15. November 2016, Günzburger Zeitung

Barockig angeheizt, poppig entflammt

Beim Konzert der camerata vocale in Ichenhausen rüttelt der neue Sound an den barocken Grundfesten Von Helmut Kircher

Worum geht es in der im Glanze von Grabesewigkeit ruhenden, klassischen Musik? Und was sind die elementaren Themen im Spannungsfeld des Gaga-, Gangsta- und Gospelsounds heavymetallisch eingedeutschter Breitwandperspektive? Die Camerata vocale Günzburg gab in der ehemaligen Synagoge Ichenhausen, kurz vor dem Start zu ihrem 30. Jubiläum, die chorische Antwort darauf: „Sing“ lautet sie. Sing, sing, sing! Leicht aufgepeppt, mit dem Charme ihres schwebend leichten Liedermacher-Idioms. Und der Kompetenz, in sanglich-stilistischer Vielfalt ihre Kreativität zu Höchstleistungen anzustacheln. Beides, mit strahlender Unaufgeregtheit, im Blick von Chorleiter Jürgen Rettenmaier.

Barockmusik ist tiefgründig. Aber Spaß daran haben ist doch durchaus erlaubt, oder? Wenn etwa 24 Choristen, mit langem Atem auf einer Klangwolke einschwebend, den „Sonnengesang“ („All creatures of our god and king“) des Franz von Assis anstimmen. Arrangiert vom schwedischen „The Real Group“-Countertenor Anders Edenroth, der die Tonalität unverkennbar aus klerikalen Dogma-Anklängen in den Lichtstrahl des hier und heute swingen lässt. Barockig angeheizt, poppig entflammt.

Früh- bis spätbarocke Katalogklassiker vom Range eines Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach durften als Vorzeige-Repräsentanten althergebrachter E-Musik nicht fehlen. Nicht zuletzt bilden solche Popstars der Klassik seit Langem das Schokoladen-Repertoire des Chors. Beide mit „Singet dem Herrn ein neues Lied“, jedoch unterschiedlicher Repräsentation. Schütz, als „Vater der Deutschen Musik“, bringt in seinem doppelchörigen David-Psalm 98, kräftig pointiert und feierlich jubelnd, seine harmonischen Herrlichkeiten in milder Glut zum Leuchten. Und beim Übervater J. S. Bach entsteht, im Dialog der ebenfalls doppelchörigen Motette BWV 225, fast so etwas wie ein Hoheslied des Gottvertrauens. In den „Kindern Zions“ ein tänzerisch beschwingtes Fugenthema, und am Ende – beide Chöre vereint – eine wahrhaft atemberaubende Finalfuge „Alles was Odem hat“.

Foto: Kircher

Alle hatten ihn, den Odem, brauchten ihn für diesen massenbeglückenden Schluss, diesem überbordenden Klangkompendium aus Glauben und Glücksgefühl. Und Hugo Distlers „Wer die Musik sich erkiest“ blies dann endgültig den Staub entbehrlicher Barockung von den Blockbustern der Klassik und ebnete den Weg zu den „Musikanten“. Öffnete Tür und Tor für die aufgekratzte Klangrasanz der Wise Guys mit Rock und Soul, mit Abendrot und Segelboot, egal ob im Station oder Frisiersalon. „Sing mal wieder“ machte sich, begleitet von enthemmter Musizierlust, der geballte Furor Luft. Emotionalisiert von Markus Putzke am Klavier mit Keith Hamptons an die Grenzen zur Ekstase stürmendem „Praise his holy name“-Gospelsound. Mit der eruptiven „sing-sing-sing“-Leidenschaftlichkeit des gleichnamigen Pentatonix-Songs, beatverschmust und rundum chilischarf. Nicht zu vergessen: Volkes Stimme, mit dem sich bahnbrechenden Kanon „Singen macht Spaß“ aus den Kehlen dreigeteilter Zuhörerschaft, vom Chorleiter in gewohnt musikalisch perfekt durchgebildeter Manier, in die Klangsprache volkschorüblicher Grandezza transponiert. Der Maestro lobte, und nicht nur er fand Gefallen daran.

Den Vogel schossen zwei fünfzehnjährige, „Jugend musiziert“- preisgekrönte Nachwuchspianisten ab. Christian Büchele – unverzichtbar tenorale Stütze im Camerata-Chor – mit dem Moderatosatz aus Joseph Haydns E-Dur Sonate 31, brachte geläufig und mit bestechender Leichtigkeit den lichten Klang, den auf lyrische Schönheit bedachten, fließenden Wohllaut zum Leuchten. Vereinte die süffige Melodik zu leichtläufigem Klang- und Sinnzusammenhang. Hanna Baumgartner, auswendig spielend, widmete sich Frédéric Chopins populärem cis-Moll Fantaisie-Impromptu. Etwas Tastenlöwinnenhaftes machte sich allein schon an ihrer Tempowahl bemerkbar. In rasantem Presto, rauschhaft auftrumpfend, jagte sie die Achtel und Sechzehntel durch klanglichen Wohllaut, durch chopinschen Charme, durch Herz, Schmerz und Schmelz süchtige Süße.

Quelle: http://www.augsburger-allgemeine.de/guenzburg/Barockig-angeheizt-poppig-entflammt-id39730032.html

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